Hamburgs unlauteres Spiel mit der Angst
Der überwiegende Teil der Arbeitsplätze, die direkt oder indirekt mit dem Hamburger Hafen zu tun haben, hängen nicht von der geplanten Elbvertiefung ab. In der Bedarfsbegründung für die 400 Millionen Euro teure Infrastrukturmaßnahme werden die Beschäftigungseffekte der Vertiefung systematisch überschätzt. Dies geht aus einer vom WWF in Auftrag gegebenen Studie des Berliner Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) hervor, die heute in Hamburg vorgestellt wurde. Am kommenden Donnerstag findet mit dem öffentlichen Erörterungstermin der nächste Schritt im Genehmigungsverfahren zur Elbvertiefung statt.
"Senat und Wirtschaft treiben mit ihrer Behauptung, zehntausende Arbeitsplätze seien in Gefahr, ein unlauteres Spiel mit der Existenzangst der Bürger. Weder die Zukunft des Hafens, noch die Zukunft des Wirtschaftsstandortes Hamburg wären bei einem Verzicht auf die Elbvertiefung gefährdet", bilanziert WWF-Elbeexpertin Beatrice Claus die Ergebnisse der Studie. Laut Bedarfsbegründung seien bei einem Verzicht auf die Elbvertiefung bis zu 58.000 Arbeitsplätze in Gefahr oder würden nicht geschaffen werden - eine Zahl, die laut der jetzt vorgelegten Studie nicht haltbar ist.
"Die Begründung für die Elbvertiefung vernachlässigt den Strukturwandel der Häfen", betont Studienautor Ulrich Petschow vom IÖW. Es sei eine klare Entkoppelung von direkter Beschäftigung und Containerumschlag zu erkennen. Die Zahl der Arbeitsplätze im Containerumschlag sei aufgrund der Automatisierung mittel- und langfristig rückläufig. In die offizielle Berechnung der Beschäftigungseffekte der Elbvertiefung seien auch solche Arbeitsplätze einbezogen worden, die nur indirekt mit dem Hafen zu tun hätten. Diese Stellen - z.B. bei Versicherungen oder Finanzdienstleistern - seien aber nicht an die Umschlagszahlen im Hafen und damit auch nicht an die Elbvertiefung gebunden. Wie die aktuelle Diskussion um den Verkauf von Hapag Lloyd gezeigt habe, seien indirekt mit dem Hafen verknüpfte Arbeitsplätze in Hamburg und im Umland durch ganz andere Faktoren gefährdet.
Die WWF-Studie verweist zudem auf den attraktiven Binnenland-Standort des Hamburger Hafens, der für die Kosten-Nutzen-Rechnung eines Logistikunternehmens weit mehr ins Gewicht falle als die Schiffsgröße, mit der der Hafen angelaufen werden kann. Denn die wesentlichen Transportkosten entstehen nicht auf dem Seeweg, sondern zu 80 Prozent im Hinterlandverkehr. In diesem Punkt sei Hamburg allen anderen Häfen der Nordrange überlegen. Darum bleibe der Hafenstandort Hamburg attraktiv, auch wenn die Elbvertiefung nicht komme.
Generell würden sich Umsätze und Arbeitsplatzeffekte immer mehr vom Hafenstandort entkoppeln, so die WWF-Studie. "Die Wirtschaftseffekte der Häfen verlagern sich in die umgebenden Großregionen, der Hafenstandort selbst profitiert immer weniger von "seinem" Hafen", erläutert Studienautor Petschow. Beatrice Claus vom WWF folgert aus dieser Entwicklung: "Die Hafenkonkurrenz zwischen Hamburg, Bremerhaven und Wilhelmshaven ist wirtschaftlich unsinnig. Wir brauchen ein nationales Hafenkonzept, das den neuen Realitäten großer Wirtschaftsräume Rechnung trägt. Das Denken in Bundesländer-Grenzen ist nicht mehr zeitgemäß."
Angesichts der Finanz- und Wirtschaftskrise hat der Containerboom zwar vorerst ein Ende gefunden. Die Entwicklung zuvor habe jedoch gezeigt, dass der Hamburger Hafen auch ohne Elbvertiefung enorme Wachstumsraten realisieren könnte. Ob ein Verzicht auf die Elbvertiefung überhaupt signifikante Rückgänge im Containerumschlag zur Folge habe, sei unklar, so die Studie. Auch sei noch nicht sicher, ob sich die neuen XXL-Schiffe am Weltmarkt überhaupt durchsetzen und dann auch tatsächlich voll beladen den Hamburger Hafen anlaufen. Nur für diesen Fall bringe die geplante Elbvertiefung aber überhaupt wirtschaftliche Vorteile für den Hafenstandort Hamburg.
Scharfe Kritik übt die WWF-Studie an den Planungsgrundlagen der Stadt. Die Datenbasis der zugrunde liegenden Planco-Studie sei vollkommen intransparent. Somit seien die Resultate der Planco-Studie nicht nachvollziehbar. Zudem sei auch der verfolgte methodische Ansatz problematisch "Letztlich ist nicht nachvollziehbar, wie der Senat zu seinen Zahlen kommt", so Petschow.
"Die Elbvertiefung wird auf Basis von Vermutungen und veralteten Daten gerechtfertigt. Wir sind erstaunt, dass sich der Senat traut, auf so wackliger Grundlage ein 400-Millionen-Projekt in die Welt zu setzen. Eine seriöse Diskussion über die Wirtschaftlichkeit der Elbvertiefung ist so nicht möglich", erklärt WWF-Expertin Claus.
Der WWF lehnt die erneute Vertiefung ab. Die ökologischen Schäden für den wertvollen Lebensraum Elbe seien bereits heute durch die zahlreichen Ausbaggerungen in der Vergangenheit enorm. Die Elbe leide unter Sauerstoffmangel, Verschlickung von Uferbereichen und hohen Strömungsgeschwindigkeiten. "Wir dürfen den Fluss nicht auf dem Altar ökologischer und offenbar auch ökonomischer Unvernunft opfern", so Beatrice Claus und fordert den Senat auf, die Pläne für den Eingriff fallen zu lassen.
Quelle: Pressemeldung WWF Deutschland
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